Wie die Wende von Geheimdiensten gemanagt wurde

In mehreren Gesprächen mit Dr. Georg Dobrovolny (Gründer des Forums Ost-West), einem Experten über den ehemaligen Ostblock in Europa, konnte ich wichtige Informationen über das Ende des Kalten Krieges und die sogenannte Wende erhalten. Durch seine Analysen erfahren wir auch mehr über die Hintergründe der Invasion der Russischen Föderation in der Ukraine, 2014 mit der Annexion der Krim und dem hybriden Krieg im Donbass, dann mit der zweiten Invasion ab dem 24. Februar 2022 als Strafaktion.   

Paul Ignaz Vogel                                                                             

In jenen grossen zeitgeschichtlichen Umbrüchen zwischen 1989 und 2000 und den strudelartigen Ereignissen, die oft aus gesellschaftlichen Tiefenströmungen Unbekanntes, Unerwartetes und oft vorerst - und auf Anhieb - Unverständliches zu Tage treten liessen, ist es gut, einem roten Faden zu folgen. 

Einen solchen finde ich in der Person von Dr. Georg Dobrovolny (künftig Georg genannt). Er emigrierte nach der Besetzung seiner Heimat, der Tschechoslowakei durch Warschau Pakt-Truppen 1968 in die Schweiz und wurde später Mitbürger. Kennen gelernt hatte ich ihn im Rahmen eines Beschäftigungsprogrammes für Stellenlose durch die Mitarbeit im Schweizerischen Ostinstitut (SOI) in Bern. Dieses antikommunistische Zentrum befand sich ab 1993 in Auflösung und ich wurde Zeitzeuge dieses Prozesses. 

Georg ist ein Zeitgenosse aus dem anderen Lager jenseits des Eisernen Vorhangs, jemand, der weiss, was totalitäre Unterdrückung bedeutet.

Durch ihn erfuhr ich später - im Jahre 2019 – in einem sehr typischen tragischen Einzelfall detaillierter von der Geschichte jenseits des Eisernen Vorhanges und konnte das Leben seines Vaters in einem Beitrag auf meiner Website publizieren. Dies ist auch die Erinnerung an Stalins Sklavenarbeiter in den Urangruben Westböhmens, an den erzwungenen Beitrag der CSSR für die sowjetische Atombombe. Siehe https://www.paul-ignaz-vogel.ch/archiv-23/

Von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft

Schon im Jahr 1986 erfuhr Georg von den Plänen, die der ehemalige sowjetische KGB-Chef Juri Andropow angedacht hatte. Andropow war 1982 zum Generalsekretär der KPdSU und Nachfolger des verstorbenen Leonid Breschnew ernannt worden. 

Bei einem gemeinsamen Schwimmen im bayrischen Starnberger See bei Tutzing teilte ein Mann vom Prager Prognos-Institut 1986 eine brisante interne Information Georg mit.

Aus den Erfahrungen der Tschechoslowakei im Jahre 1968, aber auch aus den Resultaten der volkwirtschaftlichen Forschung von Professor Ota Šik hatte sich in Prag das «Institut für Prognosen der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften» (Prognostický ústav Československé akademie věd) entwickelt. Die Forschungsstelle wurde insgeheim vom sowjetischen Geheimdienst KGB gesteuert. 

1988-1991 förderte Professor Karel Kouba Theorien der Marktwirtschaft. Es ging darum, Ungleichheiten im volkswirtschaftlichen Geschehen der bisherigen Planwirtschaft zu finden und auszugleichen, so etwa die Arbeitslosigkeit und die versteckte Inflation etc.

Bereits im Mai 1989 organisierte Georg im Rahmen der OSEC in Zürich eine Tagung mit Referaten u.a. von Dr. Peter Sager und Professor Ota Šik, unter dem fragenden Titel: «Im Osten nichts Neues?».  Šik hatte 1968 die Wirtschaftsreformen des sogenannten «Prager Frühlings» definiert, war danach aus der CSSR emigriert und dozierte in der Schweiz. Diplomaten vertraten an Georgs Treffen die Interessen von Staaten in Mittel- und Osteuropa.

In der Mitte des gleichen Jahres reiste Georg dann, nach der Einbürgerung mit einem Schweizerpass versehen und 21 Jahre nach der Flucht, auf Wunsch von Ota Šik in seine tschechoslowakische Herkunftsheimat. Šik, am 11. September 1919 geboren, wollte seinen 70. Geburtstag zusammen mit emigrierten Landsleuten, auch mit Pol*innen Ungar*innen und Russ*innen in St. Gallen feiern. Es kam zu einem Treffen mit Professor Karel Kouba vom «Institut für Prognosen der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften». Kouba bestimmte später, dass Ota Šik in der sogenannten Wende weder politisch noch wissenschaftlich zum Zuge kommen sollte. Keine Förderung also für einen systemkritischen Denker im Bereich der volkswirtschaftlichen Theorien, Absage an den Wunsch, nach den Schäden des Planwirtschaft eine tatsächlich nicht manipulierte freie Marktwirtschaft zu entwickeln, die auch gut strukturiert gewesen wäre.

Samtene Revolution in der Tschechoslowakei

Die Ereignisse überstürzten sich in Mittel- und Osteuropa. Im November und Dezember 1989 wandelte die sogenannte samtenen Revolution die CSSR vordergründig um. Der Systemwechsel vom Staatssozialismus mit seiner Planwirtschaft zur Privatwirtschaft mit einer parlamentarischen Demokratie blieb weitgehend gewaltfrei. Ein Bürgerforum wurde aktiv. 

Václav Klaus, ein tschechischer Wirtschaftswissenschafter, überreichte dem neuen Staatspräsidenten Václav Havel ein pfannenfertiges Wirtschaftsprogramm zur Lösung des Umwandlungsprozesses. Klaus stammte aus dem - vom sowjetischen KGB infiltrierten - «Institut für Prognosen der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften». Das hatte weitreichende Folgen für die Tschechoslowakei und ganz Europa im Wandel.

In der ersten nichtkommunistischen Regierung Ende 1989 sassen gemäss Georg weitgehend Leute aus dem «Institut für Prognosen der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften». Klaus wurde Finanzminister. Dieser rasche und eindeutige Trend setzt sich auch später mit der innenpolitischen Festigung der neuen Behörden durch. Klaus machte politische Karriere.

Auch die Coupon-Privatisierung der Planwirtschaft hat ihre weitreichenden Folgen für die Abschöpfung der Kaufkraft. Es entstand eine zur Kapital-Kumulierung (Aufkauf) tendierenden privatwirtschaftlichen Machtkonzentration unter den alt-neuen Herren, den Oligarchen. Ausländisches Kapital wurde in die Pensionsfonds aufgenommen. Auflösung des «sozialistischen Volksvermögens» in die Privattasche, mit dem andauernden Versuch, das privatwirtschaftliche System durch Korruption zu gefährden und mit den eigenen «inneren Widersprüchen» (Dialektik des historischen Materialismus) zu zerstören.

Als Restposten aus den Forderungen des «Prager Frühlings» aus dem Jahre 1968 blieben: Der uneingeschränkte Personenverkehr, die Zuwendung zu freien Nationalstaaten, die Anerkennung persönlichen und/oder kollektiven Besitzes und die Brechung des Machtmonopols der kommunistischen Partei mit der Einführung einer parlamentarischen Demokratie, welche die wahren Volksinteressen in ihrer Vielfalt mit allen Parteien repräsentieren sollte. 

Nun gesellte sich bald ein grosser Aber dazu. Am typischen Modellfall der einstigen Tschechoslowakei konnte man erkennen: Die Super-Neureichen wurden – von einer breiten Öffentlichkeit vorerst wenig beachtet - zu wichtigen strategischen Vorposten im marxistisch-leninistischen Überlebenskampf, den das KGB in Moskau in den Achtzigerjahren vorigen Jahrhunderts unter Juri Andropow angestossen hatte. Eine verdeckte Herrschaft blieb so auch nach der vordergründigen Wende bestehen.

Geheimhaltung als Basis der Machtzukunft

Der freie Westen war von der Wende in den staatssozialistischen Ländern des Ostblocks 1989 überrascht. Georg hält fest: Diese Wende war vom KGB gemacht. Er erklärte dies.

Im «Institut für Prognosen der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften» arbeiteten vor der samtenen Revolution rund 50 Personen. Über diese wurden Akten angelegt. Ebenso über die Uraniumförderung in der CSSR zur Herstellung der ersten sowjetischen A-Bombe unter Josef Stalin. Geheimdienstliche Akten zu diesen beiden Vorgängen gelangten ab 1989 nach Moskau und wurden in einer ersten Phase unter Boris Jelzin zum Teil öffentlich gemacht, namentlich jene über die tschechoslowakischen Mitarbeiter*innen des Staatssicherheitsdienstes.

Heute wird alles wieder geheim gehalten. Die Kardinalfrage lautet: Wie gelang es den involvierten ehemaligen KGB-Kreisen, diese Vorgänge so lange geheim zu halten? Einem Vergleich zur KGB-Geheimhaltungspolitik hält nur der Vatikan mit den römischen Archiven stand. Klar ist auch, dass seit dem Beginn der KGB-Herrschaft von Juri Andropow 1967 die universitären Systeme im Osten geheimdienstlich definitiv unterwandert waren. Analogien zu den Universitäten im Westen drängen sich auf. Wissenschaft als Teil des staatlichen Machtapparates. Andropow war auch der Wegbereiter in der Politkarriere von Michail Gorbatschow mit seiner Glasnost. Einerseits Klarheit und Offenlegen-Strategie für die breite Bevölkerung, andererseits mehr Verschluss und Geheimdienst für die staatlich geförderten langfristigen Aktivitäten von hoher bis höchster Bedeutung. Das KGB dachte und handelte nachhaltig. Auch seine Nachfolgeorganisationen (u.a. FSB) tun dies bis heute.

Auch die systemische Beeinflussung der deutschen Politik vor und nach Ende der DDR, mit den Bundekanzlerschaften Schröder (Gazprom) - Merkel (Nordstream 2) – Scholz (JUSO / DDR-Vergangenheit) gehört dazu. Die Ausspionierung von Bundeskanzler Willy Brandt im Jahre 1974 durch den DDR-Agenten Günther Guillaume war zwar ein Eigentor für den Ostblock und schadete kurzfristig der angedachten Strategie von Stasi und KGB, um die Kanzler*innenschaft der BRD im Zaun zu halten und nachhaltig zu beeinflussen.

Zeitgeschichtliche Umbrüche

Mit einem Putsch (19. – 22. August 1991) gegen Michail Gorbatschow versuchten konservative Zöglinge und Apparatschiki aus der KPdSU, das Gesetz des Handelns an sich zu reissen. Auch der damalige Chef des KGB war dabei. Der Putsch auf Anhieb misslang, da es in Moskau und St. Petersburg zu Massenkundgebungen kam. Das worst case war für den KGB entstanden, die Kontrolle über breite Teile der Bevölkerung schien zu entweichen. Zwei Tage später, am 24. August 1991 trat Gorbatschow – faktisch von Jelzin entmachtet - zurück. So setzte der Zerfall der UdSSR ein, und es entwickelte sich ein Prozess, in dessen Zentrum vorerst Jelzin stand. Eine temporäre Schlüsselfigur.

Die Präsidenten der Russischen Föderation (Jelzin), von Belarus und von der Ukraine hielten in den Belowescher Vereinbarungen am 8. Dezember 1991 bei Wiskuli (Belarus, nahe der polnischen Grenze) in einem Dokument fest, dass die Sowjetunion ihre Existenz beendet hatte. Sie unterzeichneten das Gründungsdokument der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Diese Vereinbarung wurde in Abwesenheit von Michael Gorbatschow (Union der Sowjetrepubliken), und nur unter drei von 15 ehemaligen Sowjetrepubliken getroffen.

Der Inhalt des Abkommens wurde am 21. Dezember 1991 in der Erklärung von Alma-Ata von den Vertretern der Erstunterzeichnerstaaten sowie Vertretern von Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, Republik Moldau, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan bestätigt.

Am 5. Dezember 1994 kam es in Budapest (Ungarn) zur Unterzeichnung eines sehr bedeutenden Memorandums über die atomare Abrüstung - für die Zukunft einiger Staaten, die sich aus dem Verbund der UdSSR gelöst hatten. Signatarstaaten der gebenden Länder waren die USA, Grossbritannien und die neu gegründete Russische Föderation. Als Gegenleistung für einen Nuklearwaffenverzicht wurden die territorialen Integritäten von Kasachstan, von Belarus und der Ukraine völkerrechtlich garantiert. Und dies auf der Grundlage der Schlussakte von Helsinki, der Charta der Vereinten Nationen und des Atomwaffensperrvertrages. Frankreich und China gaben zudem eigene Sicherheitserklärungen für die Ukraine ab. Es stellt sich schon die Frage, weshalb die oben genannten, ab 1994 eindeutig engagierten Staaten nach dem ersten Völkerrechtsbruch der Russischen Föderation gegenüber der Ukraine nichts unternahmen.

Durch den russländischen Finanzcrash nach 1997/1998 verlor der Westen sehr viel investiertes Geld. Vor allem Juden und Jüdinnen wurden mit ihren angelegten Gütern aus dem Wirtschaftssystem entfernt. Georg sagt: Der Finanzcrash hatte auch stark antisemitische Züge. Kurz vor dem Finanzcrash durfte ein Referent für eine Tagung des Forum Ost-West nicht in die Schweiz fliegen. Sein Abflug wurde noch auf dem Flughafen durch die Nachfolgeorganisation des KGB (andere Namen, gleiches Herrschaftssystem) gestoppt. Offenbar wusste er zuviel. Illarionov hatte das Institut für Wirtschaftsanalyse gegründet und war von 1994 bis 2000 dessen Direktor. Illarionov sagte die Finanzkrise von 1998 voraus. 

Im Zeichen eines internationalen Entspannungsversuches unterzeichneten die NATO und die Russische Föderation am 27. Mai 1997 in Paris eine völkerrechtliche Absichtserklärung zwischen der NATO und der Russischen Föderation. In jene Zeit fiel auch der langsame politische Aufstieg von Putin zum Ministerpräsidenten, dann ab 2000 zum Staatspräsidenten der Russischen Föderation. Putins Karriere wurde vom einstigen KGB bestimmt. 

Dieselben Kreise sorgten auch für die russländische Infiltration des Westens mit seinen Demokratien durch machtvolle rechtsnationale bis rechtsextreme Gruppierungen und ihre Medien, so in Frankreich, Grossbritannien, Italien und Deutschland, auch in der Schweiz. Zahlreiche Organisationen, neue gegründete Medienportale, dann vor allem die Banken wurden ebenfalls von diesen kriminellen Kräften infiltriert. Aufbau einer effizienten fünften Kontrolle auch über die Meinungsbildung.

Zersetzung und Rücktritt von Jelzin

Jelzin war der erste demokratisch gewählte Präsident der Russischen Föderation. Doch der russländische Interimspräsident stand nun selbst im Visier. Die Persönlichkeit von Jelzin, des direkten Auflösers der Sowjetunion, musste nach erprobter Geheinmdienstmanier zersetzt werden. In einer verdeckten Aktion zermürbten die Nachfolgeorganisationen des einst sowjetischen KGB den Einfluss Jelzins mit einem - öffentlich bei Staatsempfängen zur Schau getragenen - schweren Alkoholismus. 

Nachhaltig und mittelfristig wurden Prestige, Ansehen und somit die öffentliche Machtgrundlage bis zur Unerträglichkeit zerstört. Der Rücktritt Jelzins trat per 31. Dezember 1999 ein. In einem Narrativ eines später entstandenen russländischen Anti-Jelzin-Video (ediert von Russische Welt, RT = Russia Today) heisst es unmissverständlich: Ein Alkoholiker und Versager gegenüber dem russländischen Volk trat ab. Sein einziges Verdienst war es, dass er Putin als Nachfolger bestimmt hatte. https://www.youtube.com/watch?v=RULik9qsUTM

Das Jahr 2000 begann folgenschwer: Es konnte der junge KGB-Offizier aus der DDR, Wladimir Putin die Nachfolge Jelzins antreten. Aus der Sicht des KGB ein durchschlagender Erfolg. Jelzins Nachfolger, stets beseelt vom Klassenhass aus der Zeit der gegen Hitlerdeutschland siegreichen Sowjetunion, möchte bis heute mit seinem Geschichtsrevisionismus die zerfallene UdSSR wieder herstellen, dank einer nationalistischen und faschistischen Expansionspolitik der Russischen Föderation. Oder um es mit einem RT-Propagandavideo mit dem einstigen Klassenfeind-marxistisch-leninistischen Jargon so zu formulieren: «Aus einem Land, welches am Boden lag und kurz vor dem endgültigen Zerfall stand, machte er in nur 15 Jahren eine Großmacht, die nun wieder eine ernsthafte existenzielle Gefahr für die Globalisten und US-Imperialisten darstellt.» https://www.youtube.com/channel/UCFQB9ywP3oVAfXHjz4E8aeA

Die Russische Föderation setzte mit der offiziellen totalen Machtübernahme des einstigen KGB-Offiziers, der von Dresden (DDR) Richtung NATO operierte, rasch jene Usanzen fort, wie sie das einstige Osmanische Reich praktiziert hatte. Den Vasallenstaaten wurde vordergründig eine relative Autonomie gewährt. Sobald aber die zentrale Herrschaft sich bedroht fühlte, griff sie auf die diese zurück und requirierte in ihnen die dringend benötigten Soldaten. Die Vasallen mussten nur hin und wieder gehorchen, dann aber absolut. Wenn sie das nicht taten, griff die Zentralmacht grimmig durch und bestrafte. Das bedeutete stets Liquidation, Vernichtung von Menschen, aber auch Vernichtung ihrer Kultur, ihrer Akten letzthin. Schreibende, Schriftsteller*innen, Journalist*innen waren daher besonders gefährdet von diesem osmanischen Herrschaftssystem. Einmal mehr galt das Prinzip: Friede ist Fortsetzung des Krieges. Dieses Konzept entsprach auch den langfristigen strategischen Zielen des internationalen Marxismus-Leninismus, der Eroberung der Weltherrschaft im globalen Klassenkampf, die immer noch in den Köpfen der ehemaligen KGB-Kader herumgeisterten.

Nun stellt sich eine zentrale Frage: Warum versuchte die Europäische Union (EU) nicht, ein Freihandelsabkommen mit der Russischen Föderation einzugehen? Auch die Verhandlungen Schweiz-Russische Föderation in dieser Sache wurden aufs Eis gelegt. Denn die Russische Föderation wollte nicht auf die Zölle für Erdgas und Erdöl verzichten. 

Die EU nahm in der Folgezeit ihren friedenstiftenden Einfluss auf die Beitritts-Kandidaten in Mitteleuropa wahr. Ihre Politik beruhte immer noch auf den Bereichen Kohle, Stahl, Landwirtschaft und gewährte Frankreich Privilegien. Verpasst wurde der Anschluss an das IT-Zeitalter. Die Folge war, dass die Russische Föderation ab 2000 hier der EU eine Nase voraus sein konnte. Es kam zu keiner Entrümpelungsaktion in Brüssel. Die EU hatte nun viel nachzuholen im Wettbewerb mit China. Noch nicht gelöst ist die Rolle der kleinen Staaten, mitunter der Schweiz im unierten Europa.

Postsowjetische neue Abgründe

Am 24.Februar 2022 überfiel die Russische Föderation die unabhängige Ukraine nach 2014 ein zweites Mal. Die rechtsnationalen Szenen in den westeuropäischen Staaten brachten Verständnis für diese kriminelle Aktion auf. Innenpolitisch hatte sich in der Russischen Föderation ein faschistischer Nationalismus mit dem entsprechenden Personenkult und strengster Zensur in der öffentliche Meinung durchgesetzt. Dieweilen in der demographischen Entwicklung der Russischen Föderation zusätzliche Spannungen herrschten. Der Anteil der muslimischen Bevölkerung wuchs rasant. Gegen 20-30% der Russländer*innen sind heute islamischen Glaubens.

In Kasachstan war einst das sowjetische Atombombenarsenal entstanden. Noch heute ist das unabhängige Land von zentraler strategischer Bedeutung für die Russische Föderation, wenngleich noch Altlasten der Atomwaffenproduktion in Semipalatinsk weite Gebiete verseuchen. Und dieses Problem dringendst einer internationalen Lösung bedürfte.

Im nord-östlichen Kosmodrom Baikonur wurden seit 1957 sowjetische, später russländische Weltraum-Missionen auf dem A-Testgelände gestartet. Die Stadt Baikonur stand ab Ende 1994 unter einem Pachtvertrag der Russischen Föderation. Sie steht heute noch unter russischländischer Verwaltung und bildet daher einen eigenständigen Distrikt innerhalb Kasachstans.

Wenn Kasachstan nicht spurt, ist im Nu die Armee des Grossen Bruders dort. Ein Schicksal droht, so wie es die Ukraine gegenwärtig ab dem 24. Februar 2022 erleben musste. Etwa als nächstes Ziel einer Strafaktion der Russischen Föderation: Es würde dann Kasachstan, von Putin «zur Vernunft gebombt» werden.

Aus dem Leben von Georg Dobrovolny

Nach diesem Ausblick nach Mittel- und Osteuropa und die hybriden Kriegsaktionen der Russischen Föderationen möchte ich auch auf die Frage eingehen, wie Georg zu einer solch profunden Kenntnis der Materie gelangen konnte. 

Georg wurde am 30. September 1943 in einem Dorf von Mähren (CSSR) als erstes von fünf Kindern geboren. Die Staatspolizei verhaftete seinen Vater, einen aufgeschlossener und westlich orientierter Kolonialwarenhändler 1951 und verdammte ihn zu einer langjährige Lagerhaft in einem böhmischen Erzbergwerk, das Uran für die sowjetische A-Bombe förderte. Die Mutter musste – um die Familie zu ernähren – Lohnarbeit ausüben. Georg übernahm als ältester Sohn die Rolle des Vaters mit schwerster körperlicher Arbeit in Haus und Hof. Mit 15 Jahren bekam er eine Stelle in einem Lokomotivdepot, sodann bei Tesla, einer Firma für Elektroniktechnik in Prag. Dies ermöglichte ihm das Abendstudium. Das Prinzip learning by doing beseelte ihn früh trug viel zu seiner persönlichen Entwicklung zum Experten für komplexe Aufgaben bei.

Im Gespräch erinnerte Georg an seinen Lebenslauf und die Tätigkeiten, die ihm als politischem Flüchtling ab 10. September 1968 in der Schweiz ermöglicht wurden. Es ist auch eine Zeitgeschichte der Schweiz, die damals versuchte, sich aus ihrer geistigen, wirtschaftlichen und politischen Erstarrung zu lösen und in einem ersten Schritt – erfolglos zwar - im gemeinsamen Europa zu integrieren. Ein Beispiel dazu:

Am 22. Juli 1972 wurde in Brüssel ein Freihandelsabkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft abgeschlossen. Am 3. Dezember 1972 hiessen Volk und Stände die Vorlage gut. Das Abkommen trat per 1. Januar 1973 in Kraft. Es beinhaltete auch den wichtigen Markenschutz. Zwei separate Handelsabkommen gehörten zu diesem ersten bedeutenden wirtschaftspolitischen Deal Schweiz-EG.

Das Institute of International Finance, Inc. (IIF) ist eine globale Vereinigung von Finanzinstituten. Im Jahre 1985 gab es 20 Expert*innen, darunter war auch Georg, welcher von der damaligen SGB (Schweizerischen Bankgesellschaft, heute UBS) ausgeliehen wurde.

1980 – 1986 pendelte Georg zwischen St. Gallen (Wohnsitz) und Zürich (Arbeitsort Schweizerische Bankgesellschaft) - um Bedingungen für die Aufnahme ins Schweizerische Bürgerrecht zu erfüllen. Er wurde 1981 Bürger von St. Gallen.

1985 schloss Georg bei den Professoren Hans Christoph Binswanger und Ota Šik mit Dr. oec. HSG seine Studien ab. Titel der Dissertation: «Die Lohn- und Preisdirigismen im Dienste der Stabilisierungspolitik». Beispiel Grossbritannien.

1986 wurde Georg wissenschaftlicher Mitarbeiter des ehemaligen BAWI (Schweizer Bundesamt für Aussenwirtschaft), welches Professor Franz Blankart leitete. Georg war zuständig für die Länder Osteuropas (zum Beispiel Polen und Rumänien). Umschuldungen als Thema. Beobachtende Teilnahme an Arbeitsgruppen der OECD in Paris als Finanzexperte. 

Georg arbeitete sodann ab 1988 mit Walter Fust bei der Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung (Office Suisse d’Expansion Commerciale = OSEC) zusammen. Die OSEC war eine Organisation, welche die Aussenwirtschaft der Schweiz und von Liechtenstein förderte. Sie finanzierte sich aus Mitgliedsbeiträgen und Zuschüssen der Eidgenossenschaft. Zwischen 1988 – 1992 Aufbau des EURO-Dienstes und des Bulletins EURO-Info mit Aktualitäten aus der Wirtschaft, Angeboten von Schulungs-Referaten. Ein Jahresabonnement kostete 90.- Fr. Bezüger*innen waren Hochschulen, Unternehmen, Private, eidgenössische Amtsstellen, aber auch die EG-Zentrale in Brüssel etc.

Auch Informationen zu den sogenannten Acquis communautaires (Rechtliche Besitzstände der damaligen EG) bot Georg auf Mikrofichen an. Damals gab es noch kein Internet. Für die Aktualisierung der Daten war eine nähere Verwandte (Schwägerin) behilflich, die in der EG-Verwaltung als Übersetzerin arbeitete. So vermittelte Georg einem interessierten Publikum den direkten Zugang zu den europäischen Instanzen und führte zu einem Weg, der nicht über die schweizerischen Bundesbehörden und ihre Verwaltung ging. Alle Infoquellen der EG wurden direkt angezapft.

Georg wirkte in der OSEC als Delegierter für Europa, Nachdem 7 Verträge für die Verteilung der EURO-Infos erfüllt worden waren, bemühte sich das Integrationsbüro der Schweizerischen Bundesverwaltung ab dem 8. Vertrag um den Dienst.

Die Sache mit dem EWR (Europäischer Wirtschaftsraum)

Bereits im Jahre 1984 strebte die Schweiz eine aktive Teilnahme am Aufbau Europas an. Sie unterzeichnete die Erklärung von Luxemburg, in der Efta und EG ihren Willen zu einer über den Freihandel hinausgehenden Zusammenarbeit festlegten. Über 10 Jahre lang hatte man sich bemüht, ein Versicherungsabkommen zu finden. Jacques Delors übernahm 1990 für die EG diese Idee. Auch in den Turbulenzen der sogenannten Wende in Mittel- und Osteuropa suchte die Schweiz einen neuen wirtschaftspolitischen Weg.

Zur Debatte standen zusehends eine erweiterte Zusammenarbeit in den Bereichen Waren, Dienstleistungen (auch Kapital), sodann die Übernahme von europäischen Richtlinien in die nationale Gesetzgebung und der freie Personenverkehr. Georg vertrat die Ansicht, dass die europäische Normenlobby mit der Abstützung jenes Wertesystems in der ECE, das hiess im Geltungsbereich der UNO transnational am besten angesiedelt wäre. Die UNECE in Genf, Teil des United Nations Economic and Social Council (ECOSOC), arbeitete seit Ende den 60er-Jahren vorigen Jahrhunderts an der grenzübergreifenden Harmonisierung von technischen Regelungen. 

Am 18. Mai 1992 beschloss der Schweizerische Bundesrat, der EG (Europäische Gemeinschaft, heute EU) ein Gesuch zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen einzureichen. Er preschte damit vor, erreichte aber viel Opposition. Der damalige SVP-Nationalrat Christoph Blocher und andere Unternehmer nahmen den Kampf gegen ein Gesetzesprojekt für einen EWR (Europäischer Wirtschafstraum) eifrig auf. Georg organisierte eine Delegations-Reise nach Brüssel am 2. September 1992 und half somit, die Beziehungen zu Westeuropa zu festigen. In einer Referendumsabstimmung vom 6. Dezember 1992 wurde das Gesetzesprojekt für einen EWR vom Schweizer Volk mit einer hauchdünnen Mehrheit von 21’ 000 Stimmen verworfen.

Tätigkeiten des Forums Ost-West

Aus einem Gespräch mit Georg wurde deutlich, wie es nach Schliessung des Schweizerischen Ost-Institutes (SOI) per Ende 1994 gelang, den freiheitlich-marktwirtschaftlichen Dialog in die einstigen Ostblock-Staaten zu tragen. https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizerisches_Ostinstitut.

Er gründete dazu bereits im Mai 1994 das Forum Ost-West (FOW). Dieses förderte als unabhängiger auf Mittel- und Osteuropa sowie Zentralasien spezialisierter Verein ab Oktober jenes Jahres die interkulturelle Kommunikation und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Siehe auch Dokument im Anhang. https://www.forumostwest.ch/ueber-uns/

Bald stellte sich die Frage, welche Zielgruppen durch die Tätigkeit des FOW angepeilt werden sollten. Es ging um den Know-How-Transfer im Bereich des geistigen Eigentums. Einseitigkeit herrschte vor. Warum wurde etwa die Uhrenmarke ROLEX aus der Schweiz patentiert, nicht aber das PILSNER BIER aus der Tschechoslowakei? Schon 1976 wurde zwischen der Schweiz und der CSSR ein bilaterales Markenschutz-Abkommen («Bier-Käse») abgeschlossen. Aber in der staatssozialistischen Planwirtschaft waren Neuerungen, Erfindungen, Kreativität unerwünscht. Denn Neues stellte die Norm und hiermit die Planwirtschaft in Frage, konnte den unerwünschten internen Wettbewerb gar anspornen. Seit 1993 versuchte Georg, der Partner*innen in Mittel- und Osteuropa beizubringen, wie sie geistiges Eigentum schützen konnten.

Bereits das Schweizerische Ostinstitut (SOI) hatte in der Zeit des Kalten Krieges belastbare Kontakte nach Mittel- und Osteuropa ausgelegt. Es erschien der «Schweizer Bote» in deutscher und russischer Sprache. Redigiert von Georg Bruderer, der mit einer Russin verheiratet war. Was wiederum den schweizerische Geheimdienst dazu brachte, ihn der Spionage zu verdächtigen. Das war eben die Atmosphäre des Kalten Krieges in der Schweiz. Auch durchaus nicht-linke Bürger*innen und Einwohner*innen wurden sehr leicht grundlos verdächtigt. Die diffamierenden Thesen des schweizerischen Zivilverteidigungsbüchlein von 1969 wirkten nach.

Mein persönlicher Beitrag

Last but not least darf ich auch mich selbst vorstellen: Vom Mai bis Oktober 1994 konnte ich unter Leitung von Georg im Schweizerischen Ost-Institut (SOI) in Bern Länderbroschüren über Mittel- und Osteuropa herstellen. Das Thema faszinierte mich. So entstanden für das BIGA (heute seco) Dokumentationen über die Tschechische und die Ungarische Republik. Gleichzeitig wurde ich Zeitzeuge der Auflösung des von Dr. Peter Sager gegründeten Schweizerischen Ostinstitutes (SOI). Es war im Kalten Krieg mit seiner Osteuropabibliothek ein wichtiges Zentrum der antikommunistischen Gegeninformation gewesen. 

Zwischen August 1995 und August 1996 erarbeitete ich sodann im BIGA (heute seco) Länderbroschüren über die Slowakei, Bulgarien, Slowenien, Rumänien und Ungarn (Abschluss der im SOI begonnenen Arbeit). Die Akten- und Faktenlage war dünn bis nicht existent. Vor allem eine unabhängige Geschichtsschreibung existierte in jenen frei gewordenen Ländern kaum. Ich erhielt von den Schweizer Behörden explizit die Erlaubnis, mit den diplomatischen Vertretungen der entsprechenden Länder in Bern zu arbeiten und kam so – nebenbei bemerkt – auch in Kontakt mit dem 1. Botschaftssekretär Rumäniens. Der mir freimütig erzählte, wie er bei den Unruhen im Dezember 1989 als Armeekommandant den Platz vor dem Zentralkomitee der RKP in Bukarest absperren musste und den Befehl, auf die Demonstrierenden zu schiessen, nicht ausführte. Es wurde eng für Nicolae Ceaucescus, dieser floh mit einem Helikopter vom Dach des ZK-Gebäudes. Aber er kam bekanntlich nicht weit.

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© Paul Ignaz Vogel

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Zeitgeschichtliche Dokumente:

 

Memento Tschechoslowakei: Invasion 1968 und Okkupation bis 1990

 

https://www.youtube.com/watch?v=cDagR30LZzE&t=5s

Dieses Interview soll an die barbarische Invasion 1968 erinnern und dazu beitragen, dass die Jugend aus erster Hand davon erfährt. Es soll weitere Zeitzeugen zu ähnlichen Dokumentationen inspirieren - wie ein Baustein zu einem nachhaltigen Mahnmal, welches wir gemeinsam für die Menschheit errichten. Die Reaktion der damaligen Bevölkerung auf die Invasion am 21. August 1968 wurde weltweit zu einem anerkannten Beispiel für gewaltlosen Widerstand gegen eine Grossmacht.

 

Wir danken den zahlreichen Fotografen und Fotografinnen, die ihre Fotos zur Verfügung gestellt haben, besonders Petr Feyfar.

Die Plakate stammen aus dem Ullstein-Büchlein "Prager Anschläge". Bilddokumente des gewaltlosen Widerstandes - von Franz Goëss und Manfred R. Beer.

 

Redaktion:

Dr. Petra Dobrovolny-Mühlenbach

Produktion:

FORUM OST-WEST
www.forumostwest.ch

© 2017

 

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Mit dem «Forum Ost-West» 
wird Bern zum Friedensstifter

Pressegespräch am 24. Juni 1994 in Bern

Kurzreferat von Dr. Georg Dobrovolny

Fünf Jahre nach der Wende in Osteuropa und drei Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion präsentiert sich ein weltpolitisch labiles Bild: Die Gefahren sind zwar erkannterweise gestiegen, die Chancen jedoch verkannterweise auch. Und manches an heutiger Unzufriedenheit und kriegerischer Auseinandersetzungen enthält das Element verpasster Gelegenheiten – dies gilt besonders für die souveräne und neutrale Schweiz.

 

Das ist abrupt, aber nicht von ungefähr gekommen, gerade auch, was den Westen betrifft. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems sah dieser prioritär die Zeit der Marktwirtschaft für den Osten gekommen. Die falschen Erwartungen aufgrund gegenseitiger Ignoranz sowie die Altlasten belasten das Ost-West-Verhältnis.

 

Für weite Teile der Bevölkerung in Mittel- und Osteuropa blieb der erhoffte Segen aus. Das hat unter anderen den restaurativen Kräften Gelegenheit gegeben, die Rollen zu vertauschen. Sie haben die schwierige Erbschaft zu verantworten, schieben aber dem Westen die Schuld zu. Daher überrascht es uns nicht, dass in diesen postkommunistischen Staaten bisher unterdrückte Probleme und Spannungen virulent zutage treten. Aus einigen Kommunisten sind unverfrorene Kapitalisten geworden, die sich dem Westen als Partner anbieten. Der «roten Mafia» geht es nicht um eine neue sozialistische Ordnung, sondern um Verhältnisse, in denen sie nach Belieben auf Kosten der Bevölkerung und der verheissenen Demokratie schalten und walten kann.

 

Und das wiederum führt im Westen zur Diagnose «hoffnungslos bankrott etc.» Diese Diagnose ist falsch und schädlich, denn sie provoziert Trotzreaktionen und fördert den Nationalismus. Das gilt insbesondere für Russland. Während viele im Westen bloss das «Fass ohne Boden» sehen, verpassen sie die sich bietenden Chancen wahrzunehmen, geschweige denn die Verantwortung der Demokraten. Jedoch wohlbemerkt, das erzwungene Einheitsbild des Sowjetlagers lässt sich nicht durch ein Mosaikbild von Trümmern des alten Imperiums ersetzen.

Man kann die Nationalismen schlecht bekämpfen, ohne die Gegebenheiten der Länder, Völker und Kulturen sehr gut zu kennen. Das bezieht sich auf das ehemalige Jugoslawien so gut wie auf die Ukraine. Diese, so gross wie Frankreich, ist im Westen praktisch terra incognita. Die mitteleuropäischen Staaten wiederum, einschliesslich der baltischen Länder, sind trotz ihrer jüngsten Geschichte den westeuropäischen Ländern verwandter als etwa der kaukasische Staat Georgien. Dieser hat wiederum mehr als Tadschikistan mit unserem Kulturkreis gemeinsam.

Die neue Wahrnehmung des Ostens erfordert kundige Kleinarbeit und Sprachkenntnisse auf allen Ebenen – was lernt man heute schon darüber in unseren Schulen? Wird lediglich ein Marketing betrieben, so schadet es sehr bald sogar den Wirtschaftsinteressen, wie die letzten Jahre gezeigt haben. Die Kenntnis von Geschichte und Kultur der mittel- und osteuropäischen Länder ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für die westlichen Nachbarn. Sie gehört zum Zusammenleben in Europa sowie zu jeglicher Zusammenarbeit, die über den Tag hinaus gehen soll. Dann, erst dann, fördert das Wissen über unsere Nachbarn auch das Business und vor allem den Frieden.

 

Schliesslich gehört das gegenseitige Verständnis zur Friedensförderung, zur Konfliktverhinderung und Konfliktüberwindung – also jenen Bestrebungen mithin, denen sich ein Land wie die Schweiz besonders verpflichtet fühlt. Um frühzeitige Begegnungen ausserhalb der Verhandlungsrunden von Repräsentanten verfeindeter Staaten und Gruppen zu initiieren, braucht es Organisationen, die zum Beispiel ein konkretes Anliegen oder Projekt voranbringen, gleichzeitig interdisziplinär wirken und Protagonisten einfach als Menschen zusammenführen. Ein solches Forum gab es bis vor kurzem in der Schweiz nicht. In einigen Ländern, wie vor allem in Österreich, gibt es mehrere Institutionen, die sich dieser Thematik widmen. In der Schweiz formiert sich das Forum Ost-West, das in Übereinstimmung mit seinem Namen bereit ist, Aufträge von Behörden, Gruppierungen und Firmen entgegenzunehmen, die sich für den ernst genommenen Osten nicht nur interessieren, sondern die sich immer noch bietenden Chancen in Mittel- und Osteuropa nutzen wollen. Die Stadt Bern ist zum Standort eines solchen Forums prädestiniert.

 

Das Forum Ost-West (FOW) mit Sitz in Bern will einen Beitrag zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses zwischen Ost und West leisten, indem folgende Zeile verfolgt werden:

1 Präventive Konfliktverhinderung: Vertreter von Minderheiten und potentiellen Konfliktparteien werden zum Dialog zusammengeführt. 

 

2 Plattform für Begegnungen, anlässlich derer Persönlichkeiten aus Mittel- und Osteuropa ihre Ideen präsentieren können und Bedürfnisse der mittel- und osteuropäischen Staaten diskutiert werden.

3 Drehscheibe für die Ost-West-Zusammenarbeit: Informationen zu Projekten und Aktivitäten werden systematisch erfasst. Basierend darauf können im Rahmen von Workshops und Schulungen Erfahrungen ausgetauscht sowie Einsätze von Experten und Stagiaires stattfinden. Einsätze in Mittel- und Osteuropa erfolgen nach einer Vorbereitung auf die dortigen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Erfahrungen damit haben wir im Rahmen eines Vorprojekts zum Pilotprojekt «Pionier sein statt stempeln» gesammelt.

In dem bisher gegebenen Rahmen haben wir Vorleistungen erbracht, an die angeknüpft werden kann. Einige Beispiele: Die Seminaren in Bern und Prag ermöglichten schon mehrfach, dass sich Tschechen und Slowaken nach der Trennung unbefangen begegnen konnten; bei der Auswahl von Stagiaires aus den Oststaaten haben wir uns um Ausgewogenheit bemüht; bei den Gesprächen am «Runden Tisch» hatten wir, ausser Russen und Ukrainer, nacheinander, verschiedentlich sogar miteinander, Serben, Kroaten, Bosnier als Gäste am selben Tisch vereint. Den persönlichen Kontakten in der ehemaligen Sowjetunion schenken wir eine besondere Aufmerksamkeit.

Es ist ein nicht selten vorkommender Irrtum zu glauben, dies alles gehe vonstatten ohne fundierte Vorbereitung, ohne Wissen, Studien und Beobachtungen der Entwicklungen in den mittel- und osteuropäischen Ländern. Im wohlverstandenen Interesse westlicher Demokratien sind daher frühzeitige Vermittlungsbemühungen grösster Anstrengungen wert. Mit dem Forum Ost-West (FOW) signalisieren wir, dass Brückenschlagsaktivitäten immer noch möglich sind. Das Forum Ost-West (FOW) steht allen offen, die in einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit die einzige Zukunft sehen.

 

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Publiziert auf dieser Website 1. August 2022