Uranförderung mit Sklavenarbeit

 

Am 29. August 1949 liess Diktator Josef Stalin die erste sowjetische A-Bombe zünden. Die kommunistischen StalinistInnen zerbrachen mit Terror ganze gesellschaftliche Strukturen und damit auch unzählige Familien. Sie wollten in ihrem Herrschaftsgebiet eine klassenlose Gesellschaft errichten. Über einen repräsentativen Einzelfall von Enteignung, Umerziehung und Versklavung im Joachimsthaler Gulag – für die sowjetische Atomrüstung – sei hier berichtet.

Paul Ignaz Vogel

Franta Gutwil (Pseudonym) war Kaufmann. Für sein kleines Geschäft arbeitete er ebenfalls mit Empathie und Begeisterung als Handelsreisender in der Tschechoslowakei. Er verkaufte unter anderem ein patentiertes Gerät zum Benzinsparen, Schaukelpferde für Kinder, auch Gipsbüsten von Politikern, die in den Vitrinen von Geschäften ausgestellt wurden. Die Büsten stammten alle von berühmten Männern, wie Masaryk und Beneš und auch von Massenmördern wie Lenin und Stalin. Das Geschäft lief gut, und zu Hause in seinem Dorf betreute Frantas Gemahlin einen Kolonialwaren-Laden mit einem reichhaltigen Sortiment, zu dem auch wertvolle Lebensmittel gehörten, die Franta bei den Bauern der Umgebung eingekauft hatte. Für seine beruflichen Rundfahrten durch die Republik benutzte er einen schwarzen Citroën, ein aus Frankreich stammendes Modell mit Vorderradantrieb, wie wir es aus den Kriminalfilmen der Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts kennen. 

Es kam zu einer seltsamen Szene. Es war schon nach Mitternacht, da wurde Franta aus dem Schlaf geschreckt. Ein Bekannter, ein Steuerbeamter und ehemaliger Kurortverwalter stand vom Regen durchnässt vor der Haustüre. Um sich bemerkbar zu machen, hatte er sogar einen Stein gegen eine Scheibe geworfen, so dass diese zersprang. Da es stark regnete, bat der seltsame Gast um Einlass, und dieser wurde ihm gewährt. Der ehemalige Dorfkollege durfte bei Franta übernachten. Doch offensichtlich war er ein Kundschafter der Staatssicherheit, des StB. Ein Agent provocateur. 

Ein Zahnrad fehlt im Getriebe der Kollektivierung 

Eines Tages begann unvermittelt das Elend für Franta und seine Familie. Ein kleines Zahnrad des Antriebes war gebrochen, das Auto lief nicht mehr, ein Ersatzzahnrad wurde bestellt. Und während der Handelskaufmann darauf wartete, um weiter seiner beruflichen Tätigkeit als Gewerbler mit Reisen nachzugehen, bahnte sich das Unglück an.  

Nach einem Sonntagspaziergang von Franta mit seinen drei ältesten Kindern – seine Frau betreute währenddessen die beiden Kleinsten und bereitete das Mittagessen vor – empfing ihn zu Hause der Staatssicherheitsdienst StB. Drei bewaffnete Männer in schwarzer Lederkleidung hatten bereits das Grundstück und das Haus durchsucht. In der guten Stube des Hauses wurde Franta einem ersten Verhör unterzogen. Dabei floss auch Blut. Die brutale Amtshandlung fand vor einem seltsamen Hintergrund statt. Auf dem Sims standen Gipsbüsten von Masaryk, Beneš, Stalin und Lenin und schauten der Gewalttat an ihrem Handelsreisenden zu. Dann nahmen die Agenten des StB den Verhafteten an einen unbekannten Ort mit, ohne dass er sich von der Familie, seiner Frau und den fünf Kindern – das kleinste war kaum ein Jahr alt - hätte verabschieden können. Ein bourgeoiser Klassenfeind war aus dem Verkehr gezogen worden, wie die tschechoslowakischen KommunistInnen damals dachten. Man schrieb das Jahr 1951.  

Es war auch die Zeit der gewaltsamen zahlreichen Enteignungen von privatem Eigentum. Enteignet wurde nach dem Prinzip von Oben nach Unten: Zuerst kamen Betriebe mit über 500 Beschäftigten dran, dann jene mit mehr als 50, sodann jene mit mehr als fünf und schliesslich wurde alles enteignet. Enteignet werden sollte auch die Nähmaschine, mit der die Ehefrau von Franta für ihre fünf Kinder Kleider nähte. Dies konnte jedoch im letzten Moment verhindert werden. Die Kolonialwarenhandlung wurde geschlossen, die Familie durfte noch nicht einmal die Räume dazu, die sich im eigenen Haus befanden, benutzen. Das Schaufenster wurde mit kommunistischen Mottos zugeklebt. Enteignet wurde sofort auch der Citroën. Agenten schleppten nach Frantas Verhaftung das Auto mit zwei Pferden ab. Es war nicht mehr betriebsfähig, da ein wichtiges Ersatzteil fehlte. Das Gefährt wurde in einen Schuppen gestellt, der auch als Hühnerstall diente. Einzelne Funktionäre bedienten sich, schraubten Zubehör ab, entwendeten Räder usw.. Wegen Nichtgebrauchs kam der defekte Wagen westlichen Ursprungs nicht dazu, als Kollektivgut dem „realen kommunistischen“ Staat zu dienen. Er verrottete, die Hühner gackerten, flatterten auf den Citroën und schissen darauf. Wochen später kam per Post das Ersatzzahnrad aus Frankreich bei Frantas Familie an. Zu spät. 

Brutale Ausrottung von bisherigem Leben

Um besser zu verstehen, was Enteignung und Versklavung für die Betroffenen in der damaligen Tschechoslowakischen Republik im Einzelfall bedeuteten, seien auch wichtige Details der Praktika kommunistischer Herrschaftsergreifung erwähnt: Das Zahnrad wurde nie mehr eingesetzt, denn der Wagen war zwar enteignet, aber de facto zum Nichtgebrauch verdammt und sollte nie wieder repariert werden. Er galt als Statussymbol der einst herrschenden Klasse. Doch es blieben Gefühle. Menschen, auch Tiere, zurück, und auch ihr Instinkt.

Lord, der Hund des verhafteten Franta zum Beispiel witterte das Auto von Ferne, lief stets in den Schuppen und verscheuchte – um seiner Meinung nach den Besitz seines Herrchens zu verteidigen – die gackernden Hühner aus einer bereits kollektivierten Farm. Da kam es zu Reklamationen von Seiten der Gemeindeverwaltung. Aus Sorge davor, als Saboteure am sozialistischen Eigentum zu gelten - zumal der Hund mit den Hühnern bestens auskam - , befahl die Mutter, Georg, ihrem ältesten Sohn, der damals erst achtjährig war, das Tier künftig fester anzubinden. Was geschah, aber aus lauter Unruhe rapste es sich seinen Hals wund, und schliesslich musste es, da es zu viel litt, erschossen werden.

Bestehendes wurde von den neuen Machthabern zerschlagen, um eine angeblich klassenlose Gesellschaft aufzubauen. Der bisherigen wirtschaftlichen Wertschöpfung im freien Wettbewerb – so auch kleinen Familiengeschäften wie jenem von Franta – galt die ganze Wut der neuen Herren und ihrer skrupellosen Nutzung des Gewaltmonopols mit Partei und Geheimdiensten. Sie strebten eine Planwirtschaft mit Produktionsbetrieben im Kollektiv an, eine totalitäre Vision von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Alles wurde in einer ersten Phase enteignet, inklusive Schuhe und Kleider von Franta, sowie die Hälfte des Hauses. Dieses konnte später durch die Ehefrau vom Staat zurückgekauft werden. Im Jahre 1953 kamen auch die persönlichen Ersparnisse dran. Verschuldet musste die Ehefrau und Mutter von fünf Kindern in einer Textilfabrik mühsam zu einem Niedriglohn das tägliche Brot verdienen, ihre ältesten Kinder halfen, wo es nur ging.

Der Staat im Staat wird aufgebaut

Die Gruben von Joachimsthal (Jáchymov) waren ein besonderer Ort der neuen Ausbeutung, Umerziehung und „Proletarisierung“ der Untertanen im organisierten Klassenkampf der «Diktatur des Proletariats». Joachimsthal (Jáchymov) liegt im Nordwesten der heutigen Tschechischen Republik, am Südhang des Erzgebirges. Seit dem Mittelalter wurde dort Silber gefördert. Nach der Entdeckung des Elements Radium und seiner Radioaktivität durch die polnische Physikerin Marie Curie und der weiteren Forschungsarbeit ihrer Tochter Irène Joliot-Curie und ihres Mannes dienten die Schächte auch dem Abbau von Uranerz. Das Material wurde 1945, nach dem Vorrücken der Roten Armee in jene Gegend, für Josef Stalin, dem blutigen Diktator der Sowjetunion, von grösstem Interesse.  

Nach dem Abwurf von amerikanischen Atombomben über Hiroshima und Nagasaki strebte auch Stalin nach einer atomaren Bewaffnung des übergreifenden politischen Sowjet-Systems. Er beauftragte seinen Geheimdienstchef Beria (sowjetischer Himmler genannt) mit dem Geschäft, eine atomare Bewaffnung der UdSSR aufzubauen. Am 29. August 1949 war es so weit. Das Wettrüsten zwischen den beiden Blöcken im Kalten Krieg konnte beginnen. Im September 1945 hatten sowjetische Geheimdienstleute (NKWD) Joachimsthal (Jáchymov) besetzt und erklärten dieses Gebiet zur Geheimzone innerhalb der Tschechoslowakischen Republik, die noch bis 1948 über eine nicht-kommunistische Regierung verfügte. Durch einen Geheimvertrag vom 23.November 1945 wurde der UdSSR das exklusive Nutzungs-Recht für das Uranerz aus den Minen von Joachimsthal (Jáchymov) durch den damaligen Präsidenten Beneš zugesprochen. Erst im Jahre 1946 billigte das tschechoslowakische Parlament die Vereinbarung. Apparate der Geheimdienste, der tschechoslowakischen Staatssicherheit StB und des sowjetischen KGB taten ihr Werk der Unterdrückung.

Diese plötzliche hoheitliche Verfügungsgewalt über eine ganze Region im Staatsgebiet der tschechoslowakischen Republik wurde auch durch den sogenannten Freundschaftsvertrag ermöglicht, den Edvard Beneš (ein tschechischer Nationalist mit der Betonung des Slawentums) und Zdeněk Fierlinger (einem Stalin ergebenen Sozialdemokraten) von der Exilregierung in London bereits in einem Treffen mit Stalin in Moskau im Dezember 1943 unterschrieben hatten. Die Vereinbarung trat damals de facto sofort in Kraft. Damit wurde auch die Basis für das kommende Unrecht gelegt, für die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem militärischen Sieg der Sowjetarmee von 1945 und für den Aufbau von Volksgerichten und bewaffneten Milizen in der Tschecho-slowakei. Öffentliche Hinrichtungen fanden statt.

Der Gulag von Joachimsthal (Jáchymov) 

In den Zwangsarbeits-Lagern in und um Joachimsthal (Jáchymov) erlitten die Häfltlinge seit 1945 unvorstellbare Qualen, viele überlebten nicht. Die Radioaktivität des Uranerzes sorgte zudem für eine erschreckende Morbidität. In den Jahren 1946 -1990 lieferte die Tschechoslowakische Republik 102.245 Tonnen Uran an die UdSSR, die damals über kein Uranium verfügte. 
 

Otfrid Pustejovsky schreibt in seiner Studie „Stalins Bombe und die ‚Hölle von Joachimsthal (Jáchymov): „Über dem Lagertor von Vojna bei Pribam – aber auch bei Joachimsthal (Jáchymov) und Lagern, wie zum Beispiel beim Lager Nikolaj befand sich eine dem Zugangsbereich des KZ‘s Auschwitz I geradezu erstaunlich ähnlich gestaltete Tafel mit der tschechischen Aufschrift «…..» = «Durch Arbeit zur Freiheit.» (S. 164). In den Lagern für den Abbau von radioaktivem Uranerz wurden 244 Personen hingerichtet, 10'000 erschlagen oder erschossen und 250'000 aus politischen Gründen inhaftiert.» (Ebenda S. 93).

Zu den politischen Gefangenen in Joachimsthal (Jáchymov) gehörte auch Franta Gutwil (Pseudonym), der ehemalige reisende Kaufmann. Er war nach einem willkürlichen Justizverfahren im Jahre 1951 einer drakonischen Strafe zugeführt worden, und die lautete auf dreizehn Jahre im Gulag nach sowjetischem Muster, das heisst Zwangsarbeit in den Uranerz-Gruben von Joachimsthal (Jáchymov). Sein Sohn Georg, damals noch ein Kind, erinnert sich heute an die Besuche bei seinem gefangenen Vater, an die Hinreise mit der Bahn , dann an die Weiterfahrt in einem Bus an einen unbekannten Ort, an das Anstehen in einer Kolonne der Besuchenden, an das Aufgerufen werden. Der Vater stand hinter einem Holzschalter, links und rechts von ihm zwei Agenten mit Kalaschnikows. Als der gefangene Vater seine zweijährige Tochter auf die Arme nehmen wollte, wurde der Besuch jäh abgebrochen.

Provokationen, Terror und Personenkult

Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) war seit dem 28. Februar 1948 an der Macht. Ihr gewalttätiger Umbau der Gesellschaft in Böhmen, Mähren und in der Slowakei vollzog sich nach den Grundmustern des sowjetischen Systems zu Stalins Zeiten. Mit Terror wurde die Bevölkerung verängstigt und gefügig gemacht. Es herrschte eine schleichende Gewalt. Viele hielten nicht das Unmögliche für möglich. Zwei damals noch bestehende Strukturen galt es vorrangig auszuschalten: Den nicht anpassungswilligen opferbereiten Klerus - nicht nur der römisch-katholischen Kirche - die selbstständigen und selbstbewussten Bauern, welche die Kollektivierung ablehnten sowie alle Unternehmer und Gewerbler. 

Mit riesigen Schauprozessen sollte auch die Bauernschaft gefügig gemacht werden. Anlass dazu boten die Vorfälle von Babice, die ebenfalls einer gezielten Provokation der tschechoslowakischen Staatssicherheit entsprangen. Eine Gruppe von StB-Agenten, angeblich Mitglieder des amerikanischen Geheimdienstes, welche eine Flucht des seit 1951 internierten Prager Kardinals Josef Beran ins Ausland ermöglichen sollten, traten in Südmähren in Erscheinung.  

Mitte des Jahres 1951 kam es zu einer Schiesserei, in deren Folge drei Funktionäre der KPTsch sowie die Angreifer bei einer Versammlung starben. Der inszenierte Vorfall wurde bis heute weder polizeilich untersucht, noch gab es dazu ein Justizverfahren. Hingegen begann gleich nach der Tat eine Unzahl an Schauprozessen gegen angebliche VerschwörerInnen. 107 Personen erhielten insgesamt 1375 Jahre Freiheitsentzug, elf fanden den Tod durch den Strang. Die Urteile wurden von der Partei KPTsch gefällt und standen bereits vor Prozessbeginn fest. 

 

Ein schreckliches Beispiel mag genügen. Ein Agent provocateur der Staatssicherheit StB, ein ehemaliger Freund aus der Gymnasialzeit, bat bei einem römisch-katholischen Landpfarrer um Einlass und Übernachtung. Der Kleriker durchschaute die bösen Absichten sehr wohl und verweigerte – freundlich und segnend – dem Agenten die Aufnahme im Pfarrhaus. Diese Haltung musste er später in einem Schauprozess bezahlen. Er wurde zum Tode verurteilt und gehängt, ebenso ein zweiter, der den Agenten abgelehnt hatte. Dazu sagt Georg heute: «Der Agent provocateur war dieselbe Person, welche zwei Jahre zuvor bei meinem Vater um eine Übernachtung gebeten hatte. Es gab sonst keinen Zusammenhang zum Fall Babice, auch war nichts im Wohnort meiner Familie passiert. Trotzdem wurden im August 1951 zehn Personen im gut 2‘000 Seelen-Dorf verhaftet.»  

Solche Schauprozesse im Bereich der kommunistischen Tschechoslowakei hatten auch internationale Bezüge. In einer zweiten Säuberungswelle begann Josef Stalin, ab 1948 zusehends, wieder antisemitische Grundmuster in der russischen Gesell-schaft, später auch in den Gesellschaften der durch die 1945 Sowjetarmee annektierten Satellitenländer, zu bedienen. Im Fadenkreuz seiner gnadenlosen Verfolgung standen einst Getreue, KommunistInnen, denen plötzlich Abweichlertum, Kosmopolitismus vorgeworfen wurde. Erst wurde der Aussenminister Jan Masaryk zum Opfer. Nach seiner Rückkehr aus Moskau, wenige Tage nach der Machtübernahme der KPTsch 1948, kam er aus bisher ungeklärten Gründen ums Leben (Der sogenannte «Dritte Prager Fenstersturz»). Auch sein Nachfolger Vladimír Clementis erlag der Verfolgung durch die eigenen Leute. Er amtete als Aussenminister bis 1950, wurde Mitglied des Zentralkomitees der KPTsch und anfangs 1951 verhaftet, im Rahmen der kommenden Schauprozesse zum Tode verurteilt und 1952 hingerichtet. Er galt fortan als stalinistische Unperson. Auf öffentlichen Fotos zusammen mit Gottwald löschte man sein Konterfei. Nur die Mütze, die er einst seinem erkälteten Präsidenten Gottwald hilfsbereit ausgeliehen hatte, blieb bis heute auf den Gottwald-Fotos vom 28. Februar 1948. Wie alle Bereiche der tschechoslowakischen Politik wurde auch die Aussenpolitik vom Kreml zu Moskau diktiert. 

Auch Rudolf Slánský war ein Getreuer der Führung in der KPTsch gewesen. Als er noch in der Gunst von Stalin stand, konnte er ab dem Dachgeschoss seiner Villa in einem Aussenbezirk Prags jede Woche persönlich mit dem Diktator im fernen Moskau telefo-nieren. Die Gunst verfiel sehr rasch, und 1952 gab Stalin dem Rivalen Klement Gottwald, Chef der KPTsch den Befehl, den Genossen Slánský festzunehmen und nach einem Schauprozess hinzurichten. Es standen insgesamt 14 Angeklagte aus der KPTsch vor Gericht. 11 von ihnen waren jüdischer Herkunft, so auch Slánský. 11 Personen wurden zum Tode verurteilt, darunter auch Slánský. Er hatte ab 1948 die anfängliche Unterstützung Israels durch die UdSSR gefördert. Seine Asche wurde auf einer vereisten Ausfallstrasse Prags ausgetragen, als Zeichen der besonderen Verachtung durch die Herrschenden und vorderhand noch Lebenden. Dazu gehörten auch Josef Stalin und Klement Gottwald.

In seinem Verfolgungswahn inszenierte Stalin die sogenannte Ärtzteverschwörung. 1952 erfand er mit seiner Kreml-Kamarilla ein angebliches Komplott jüdischer Ärzte, die ihm nach dem Leben trachteten. Doch Stalin selbst wurde Opfer seines Wahnes. Als er, wahrscheinlich wegen eines Gehirnschlags stürzte, war niemand da, um ihn ärztlich zu versorgen. Niemand wagte, solches zu tun. Und Geheimdienstchef Beria wachte zudem, dass sich auch niemand lebensrettend an den auf dem Sofa Sterbenden heranwagte. Zu sehr war Beria an der Nachfolge interessiert. Er, Beria, der die Fäden der atomaren Aufrüstung der UdSSR in den Händen hielt – und schliesslich auch im Uranbergbau von Joachimsthal (Jáchymov) in der Tschechoslowakei das Sagen hatte. 

Stalin wurde am 6. März 1953 im Kreml beigesetzt. Klement Gottwald, Nummer 1 in der Tschechoslowakei, fuhr zum Begräbnis. Auch er starb nur eine Woche danach. Die Syphilis und der Alkoholismus hatten ihr Werk getan. Gemäss seinem Vorbild mumifizierten die KPTsch-Leute Gottwald und stellten ihn bis anfangs der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in einem Mausoleum in Prag zur Schau. Im Gegensatz zu Slánský sollte er als unsterblich gelten. Nach einer ersten Welle der Entsta-linisierung wurde sein Leichnam 1962 eingeäschert.

Die Opfer-Familieder Hölle von Joachimsthal (Jáchymov) 
 

Angesichts dieser mörderischen Gewalt-Paranoia fällt es schwer, sich vorzustellen, wie es der einfachen und unter dem Terror leidenden Bevölkerung in der Tschechoslowakei erging. Angst und Unsicherheit waren die Grundgefühle, die in der Gesellschaft vorherrschten. Doch ab 1951 wurden auch Mitglieder der KPTsch in diesen von Oben ausgeübten Terror einbezogen. 

Während ab 1951 Franta Gutwil (Pseudonym) in den Uranerz-Gruben tagtäglich geschunden wurde, wuchsen seine Kinder ohne Vater auf. Der Vater war Arbeitssklave für die atomare Bewaffnung der UdSSR, seine Familie wurde fortan im Sinne einer Sippenhaft auf allen möglichen Stufen benachteiligt. Die Mutter erfüllte eine doppelte Rolle. Oft musste sie um drei Uhr früh von ihrem ältesten Sohn Georg geweckt werden, um zur Fabrik zur Lohnarbeit zu fahren. Dabei kam es vor, dass sie bei der Arbeit einschlief, so übermüdet war sie. Einmal bohrte sich der Stift einer mechanischen Nähnadel in ihren Finger, während sie in der Fabrik am Arbeitsplatz eingeschlafen war. Nach der Verhaftung hatten die Staatsagenten die Kleiderschränke des Vaters plombiert, aber es blieben einige Stücke übrig, aus denen die Mutter Kleidungsstücke für die Kinder anfertigte.  

Georg erzählt heute: „Mit knapp neun Jahren wurde ich zum ältesten Mann der Familie, der alles richten musste: Alle Reparaturen im Haus, Holz im Walde für die Heizung im Winter zubereiten, Bäume fällen, ins Tal schleppen mit Pferden, dann an der gefährlichen Kreissäge, ohne Handschuhe und Schutzbrille, zersägen, hacken usw., auch im Winter Wasser vom Bach ins Haus schleppen. Später konnte ich einen Brunnen graben und Wasser finden. Mit kaum 15 Jahren landete ich in einem Lokomotiv-Depot, ans Gymnasium durfte ich nicht gehen. Eine Kommission hatte beschlossen, mich trotz meiner guten Zeugnisse zu proletarisieren. Ab 1960 besuchte ich ein Abendtechnikum, und dies jeweils nach der Arbeit. Um 04:30 Uhr war jeweils Tagwache, von 06:00 bis 13:30 Uhr Arbeit im Lokomotiv-Depot, von 14:00 bis 19:30 Uhr Unterricht, und das während fünf Jahren. So erwarb ich mir einen Abschluss mit Abitur. Nach zwei Jahren Militärdienst wurde ich Konstrukteur bei Tesla Praha.“

Als am 21. August 1968 die Truppen des Warschauer Paktes das politische Leben und den demokratischen Aufschwung in der Tschechoslowakei durch Besetzung mit einer halben Million fremder Soldaten unterdrückten, beschloss Georg zu flüchten. Er hatte niemandem von seiner Absicht erzählt und landete glücklich in der Schweiz, konnte dort innert einer Woche Arbeit finden, seine Studien abschliessen und heiraten.

 

Georgs Vater starb im Januar 1982 an den Folgen einer Krankheit, die er sich im mörderischen Uranbergbau von Joachimsthal (Jáchymov) zugezogen hatte. Wären Georg und sein Bruder zur Beerdigung in die Tschechoslowakei gefahren, hätte ihnen eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren und das Verbot der Rückkehr in ihr neues Gastland Schweiz gedroht. Also sprach Georg die Abschiedsworte für seinen Vater auf eine Cassette, und seine Frau und Schwägerin fuhren zum Ort der Beerdigungsfeier. Kurz davor wurden sie durch die Panne eines schweren Lastwagens, der ihnen den Weg versperrte, gestoppt und mussten in der bissigen Winterkälte eine Nacht lang im Auto ausharren. Es schien, als würde der StB ein letztes Mal Regie führen. Schliesslich gelang es ihnen, die Abschiedsfeierlichkeiten rechtzeitig zu erreichen und das Tonband abzuspielen.

Das angebliche Delikt hatte damals unter Stalins und Gottwalds Herrschaft gelautet: Schuldig des Hochverrates. Was bis anhin niemand gewusst hatte, weder der Verurteilte selbst, noch die Familie von Franta, auch Georg nicht. Und der Grund für die Verurteilung des Vaters war weder der Familie noch im Dorf bekannt gegeben worden. Stattdessen kursierten die wildesten Gerüchte in dem Sinne, dass er wohl ein potenzieller Schwerverbrecher gewesen war. Georg: «Meine Familie wurde deswegen von DorfbewohnerInnen und besonders von der Nachbarschaft misstrauisch beobachtet, was unseren Alltag noch zusätzlich erschwerte.»  

Gerechtigkeit wieder hergestellt?

Blicken wir zurück ins 1961: Franta war durch eine Amnestie nach zehnjähriger Haft aus den Minen von Joachimsthal (Jáchy-mov) entlassen worden. Damals hatte er wenige Wochen nach seiner Entlassung Post erhalten und gedacht, dass diese eine Rehabilitation oder eine Entschädigung beinhalten würde. Weit gefehlt: Der Brief enthielt eine Rechnung für die Tage, die er als zusätzliche Strafe in der sogenannten „Korrektion“, also Einzelhaft innerhalb des Lagers verbringen musste. In jener Zeit war er als Arbeitskraft ausgefallen und musste ausserdem streng bewacht werden. Für diesen zusätzlichen administrativen Aufwand hatte er also noch rückwirkend zu bezahlen…

1990 beschloss Georgs Mutter, ein Gesuch um Rehabilitierung ihres 1951 zu Unrecht zu 13 Jahren verurteilten und inzwischen verstorbenen Ehemannes einzureichen. Auch nach der Wende 1989 / 1990 war es nicht von sich aus zum dringend neuen Prozess zur Schaffung einer rückwirkenden Gerechtigkeit gekommen. Posthum wurde das Urteil erst auf Antrag aufgehoben. Von einer Wiedergutmachung in Form eines Geldbetrags konnte schon gar gar keine Rede sein. 

 

Die Umgebung des Verstorbenen wurde nicht informiert, so schrieb Georgs Mutter an die lokale Zeitung in Lipova, und ihre Eingabe wurde publiziert (siehe Dokument unten). Denn vor der Verurteilung anno 1951 war Georgs Vater ein sehr beliebter Mann gewesen, lebenslustig, gastfreundlich und hilfsbereit. Allen wäre klar gewesen, dass das Urteil „Hochverrat an der Republik“ böswillig erfunden worden war, ebenso bei den übrigen betroffenen Personen. Posthum Rehabilitation zu erfahren mag ein Trost sein, niemals jedoch dürften diese unsinnigen, von den KommunistInnen unter dem Sowjetdiktat ergangenen Urteile vergessen werden.

Georg meint heute dazu: «Darum geht es uns mit diesem Beitrag. Eine Gedenk-Tafel im Dorf war angedacht. Doch sie fehlt immer noch. Man sollte lieber wieder schweigen, um den dort noch lebenden Zeitzeugen nicht zu schaden.» 

 

Möge dieser Anriss der Zeitgeschichte auch den heutigen jungen Generationen zur Aufklärung dienen. Es ist tatsächlich schwer zu begreifen, welches strukturelle und nachhaltige Unheil die beiden totalitären Systeme in Europa – der Nationalsozialismus mit dem Dritten Reich und der kommunistische Stalinismus in der Sowjetunion mit ihren Satelliten – hinterlassen haben. 

 

Quellen:

1 Dokumente und Berichte aus der Hinterlassenschaft von 
Franta Gutwil (Pseudonym)

2 Aussagen seines Sohnes Georg 

3 Otfried Pustejovsky, Stalins Bombe und die «Hölle von Joachimsthal».

Uranbergbau und Zwangsarbeit in der Tschechoslowakei nach 1945, LIT VERLAG AG, Berlin, 2009, ISBN 978-3-8258-1766-4

4 Im Text erwähnte Quellen aus dem Internet, u.a. Wikipedia

 

© Paul Ignaz Vogel
www.paul-ignaz-vogel.ch
2019

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Ein Zeitdokument:

 

Lipovsky Zpravodaj

Dezember 1990

Lokales Nachrichtenblatt im Dezember 1990

 

Viele unserer Mitbürger sind der Meinung, dass die Prozesse der sogenannten „50-ger Jahre“ unsere Gemeinde nicht betroffen haben. Hier die Wahrheit: Im Juli und August 1951 wurden innerhalb kurzer Zeit 8 Bürger aus Lipova und zwei weitere verhaftet. Im Februar 1952 wurden sie gemäss dem tschechoslowakischen Strafgesetzbuch 231/48 wegen Hochverrats zu einem langjährigen Freiheitsentzug verurteilt. Sie verloren alle bürgerlichen Rechte, ihr gesamtes Eigentum inkl. Auto, Kleidern usw. wurde konfisziert. Hinzu kamen hohe Geldbussen. Die Verhafteten und Verurteilten hatten angeblich im Jahre 1949 eine Gruppe gebildet, die sich gegen den Staat verschworen hatte. Ein angeblicher CIA*– Agent namens Ladislav Maly – ein ehemaliger Mitarbeiter des Steueramtes Jesenik (Freiwaldau) soll diese Gruppe gegründet haben, um die junge tschechoslowakische Volksdemokratie zu untergraben.
 

Heute, gut 40 Jahre danach, haben wohl auch die Hartnäckigsten begriffen, dass dies nicht stimmt. Es ging viel mehr um die Liquidation der Intelligenz, der Gewerbler und Unternehmer.

Hiermit wollen wir allen Mitbürgern mitteilen, dass J. D., der zu Unrecht mit einer der höchsten Strafe zu 13 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war, gemäss dem Gerichtsentscheid von Ostrava vom 10.10.1990 voll rehabiliert wurde. Weder er noch vier der anderen haben diese Genugtuung nicht mehr zu Lebzeiten erfahren.   

 

*Die Central Intelligence Agency, offizielle Abkürzung CIA, ist der Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten

 

 (Aus dem Tschechischen übersetzt)

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(PIV, 15.12. / 19.12. / 31.12. 2019)